nikola lutz
Soundfiction

HNA 29.11.10

Musik aus der Bierdose: Kammerkonzert mit Steffen Moddrow


Baunatal. Wo war man da hingeraten, in ein Festival der Moderne etwa? 40 Gäste wohnten beim Baunataler Kammerkonzert im Foyer der Musikschule einer Aufführung bei, die jedes Avantgardefest hätte schmücken können. Der Offenheit der Musikschule und des freundlich applaudierenden Publikums muss so das erste Lob ausgesprochen werden.

Kuriose Performance: Steffen Moddrow (Percussion) und Nikola Lutz (Saxofon) zauberten in der Baunataler Musikschule auf allen möglichen Instrumenten.

Foto: Malmus

Der zweite Beifall gilt natürlich Steffen Moddrow (Percussion) und Nikola Lutz (Saxofon). Moddrow, der an der Baunataler Musikschule lehrt, bekundet auf seiner Webseite seine Begeisterung für das Geheimnisvolle, Bizarre und Kuriose. Genau so war die Performance, die er und die Stuttgarter Saxofon-Dozentin hervorzauberten.

Vom zaghaften Tasten bis zu fast rockigen Entladungen reichte die fiepsende, röhrende, raschelnde und mit vielen weiteren Sinnesqualitäten ausgestattete Geräuschsinfonie. Moddrow hatte das Schlagzeug mit Materialien wie Klebebändern auf Vordermann gebracht, testete auch mal die Musiziertauglichkeit von Bierdosen und eines gelben Sacks. Lutz spielte nicht minder artistisch mit Instrument und Elektronik, betätigte allerlei Pedale, legte mehrere Klangschichten übereinander. Alles bei vorzüglicher Abmischung, die auch die letzte Kleinigkeit deutlich einfing.

Was das soll? So hört man schon die Unkenrufe an den musikalischen Stammtischen. Freuen wir uns lieber, dass es in unserem zum kuscheligen Mainstream neigenden Zeitalter noch Hüter des Bizarren gibt.
Cave Music

Bietigheimer Zeitung 08.11.10

Experimentierfreude mit dem Saxofon
Nikola Lutz und Frank Heinkel im "Wartesaal"


Im "Wartesaal" im Besigheimer Bahnhof spielten Nikola Lutz (Saxofon) und Frank Heinkel (Didgeridoo) ein ungewöhnliches Konzert.

Besigheim. Zwei Ausnahmemusiker gaben im "Wartesaal" im einstigen Bahnhofsgebäude ein Konzert, das für den Kreis von Musikfreunden zweifellos höchst erlebnisreich war. Am Saxofon bewies Nikola Lutz geradezu artistische Virtuosität und dazu begleitete sie am Didgeridoo Frank Heinkel.

In dem eigentlich recht kleinen Eingangsbereich zum "Wartesaal" saßen dicht gedrängt die Besucher dieses ungewöhnlichen Konzerts mit dein Titel "Cave Music - Weltmusik und Improvisation".

Die international anerkannte und mit Preisen ausgezeichnete Saxofonistin Nikola Lutz spielte sowohl auf einem Tenor- wie auch auf einem Baritonsaxofon, erwies sich aber im Lauf des rund eineinhalbstündigen ohne Pause dargebotenen Programms, auch als souveräne Könnerin auf solch ungewöhnlichen Instrumente wie einer Art von Mundorgel.

Didgeridoos in verschiedenen Größen und Tonlagen hatte Frank Heinkel mitgebracht und auch er ging mit verschiedenen Perkussioninstrumenten und sogar auf Spielzeugen ideenreich um.

Nikola Lutz und Frank Heinkel breiteten eine urwüchsige, äußerst vitale, manchmal noch von melodischen Elementen durchzogene Klangwelt aus, die auf dem Zusammenwirken von traditioneller Musizierfreude und der Lust am Experimentieren basierte. Die kahlköpfige Musikerin beherrschte ihre Saxofone auf einzigartig perfekte Weise und etnlockte den Instrumenten auch Töne, die man zumindest als ungewohnt bezeichnen konnte. Einflüsse aus der Folklore europäischer oder außereuropäischer Völker verbanden sich mit Elementen des Jazz und des Blues, nicht zuletzt auch mit der Musik der Aborigines, wie sie Frank Heinkel beim Improvisieren auf einem Didgeridoo einbrachte. Weltmusik im besten Sinne entstand daraus.

Frank Heinkel trat zudem auch als Virtuose des Unterton- oder Obertongesangs hervor und begleitete Nikola Lutz rhythmisch präzise mit dem gleichmäßig röhrenden Sound des Instruments der australischen Ureinwohner. Spaß bereitete den Zuhörern, die sich von diesen exotisch wirkenden Klängen verzaubern ließen überdies, wenn Nikola Lutz und Frank Heinkel auch auf sonderbaren, in Konzertsälen im Allgemeinen nicht zu hörenden Instrumenten spielten, wie sie dies bei einer von den Besuchern am Schluss nachdrücklich geforderten Zugabe taten und Heinkel hierzu auf einer quakenden Gummiente den Rhythmus vorgab.

Rudolf Wesner
Tangotopia

14.04.10

Empfindsam und energisch


Beim Tango gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man leidet mit der melodiösen Tragik oder man lässt sich von Rhythmus und Energie mitreißen. Dem Duo "Tangotopia" gelingt am Sonntagabend bei der Veranstaltung "Kultur im Rathaus" beides. Bei ihrem Programm "Tangomania" entführen die beiden Musikerinnen Nikola Lutz (Saxofone) und Ina Henning (Akkordeon) ihre Zuhörer für knapp zwei Stunden nach Argentinien.
Luftig und mit warmem, tiefem Klang spielt Nikola Lutz am Baritonsaxofon die ersten Tonfolgen des bekannten Tangos "La Cumparsita" von Matos Rodriguez. Kombiniert mit Ina Hennings Akkordeon-Begleitung springt sofort der Funke über. Das eingängige Tango-Motiv eint sich mit souveränen Einzelleistungen der beiden Berufsmusikerinnen. Für den bewegten Teil des Tangos wechselt die Saxofonistin die Instrumente. Rasante Läufe in sehr hohen Lagen spielt die Dozentin der Musikhochschule Stuttgart auf dem Sopraninosaxofon lupenrein. Jeder Ton sitzt auch auf den Tasten der studierten Akkordeonistin, die ihrer Kollegin an Virtuosität bei diesem Stück in nichts nachsteht. Für das wiederkehrende Tango-Motiv treffen sich die beiden Musikerinnen wieder in perfektem Zusammenspiel. Neben mitreißenden Rhythmen sorgt der Tango im Bürgersaal aber auch für große Dramatik.
Wo Tango auf dem Programm steht, darf natürlich der Begründer des "Tango Nuevo", Astor Piazzolla, nicht fehlen. Insgesamt zehn Stücke des argentinischen Komponisten interpretieren Nikola Lutz und Ina Henning. Dabei stehen besonders die "Tango-Etüden 1-6" mit wechselnden Tempi und dynamischen Verflechtungen für musikalischen Anspruch. Eine Herausforderung, die das sympathische Duo überzeugend meistert.
anns
MUL

Nürtinger Zeitung
13.11.07

Grafic Sound meets Fetish Acoustique: Konzert-Ausstellung im Zentralsaal der Stadthalle K3N


(...) Alle drei Musiker und Performer verfügen über eine gediegene klassische Musik- und Kunstausbildung. Die Schau- und Ausstellungsräume boten streng und akkurat dargebotene Bild- und Tonträger. Schellack-LP-Rohlinge, grafisch bearbeitet, schwarz auf weißer Wand, und CD-große Folien, weiß mit feinen Lineaturen in Schwarz bearbeitet. Tonträger, auf denen Partituren und allerfeinste Notationen zu sehen sind, wo unsereins Rillen erwarten würde. Diese Zeichnungen und Gravuren, dazu noch einige als Fetish bezeichnete alte BASF-Tonbänder führen die geneigte Fantasie dann aber doch in die eigenen musikalischen Erinnerungen, durchaus auch hin zum väterlichen Uher-Tonband oder zu den Stunden, die man vor dem Röhrenradio verbracht hat, lauschend auf die Freiheitsklänge und Protestemotionen aus dem meistens amerikanischen Äther. Aber Schwelgen ist nicht, was weiterführt.

Michael Gompf bereitet das Publikum, ebenso wie Reimund Ostermann, kundig und behutsam auf die Besonderheit des Experimentellen und der Improvisation vor. Schließlich beginnt die Performance, und es verwundert, was zu hören ist, verstört und begeistert von Minute zu Minute mehr. Nikola Lutz legt die grafisch bearbeiteten Schallplatten auf und macht mit der Plattennadel, was sich unsereins aus Gründen der Plattenpflege nie getraut hat: Knacken und Rauschen, Stöhnen, Schaben, Jaulen sind nur schwach ausreichende Beschreibungen für die erstaunliche instrumentelle Behandlung des Turntables. Mit Sampler und anderen mit dem Pedal bedienten Techniken, aber auch mit dem virtuos gespielten Saxofon entsteht tatsächlich eine power- und facettenreiche Verbindung von Bild und Klang. Beide bauen auf Strukturen, Geweben, Texturen, Rhythmen, die anschwellen, sich lösen. Wie holt man aus dem scheinbar Abgelebten, Toten neues, freies Leben heraus, das ist eine Frage der Kunst, sie unterscheidet sich vom Wiederholen dessen, was man so meint und was sich Schönes für die Werbung eignet.

Steffen Moddrow drückt es so aus: Ich wühle mich als One-Man-Big-Band durch Jazz- und Rock-n-Roll-Reste der letzten 40 Jahre. Er, der klassisches Schlagzeug in Kassel studiert hat, röhrt und spielt nicht, was man erwartet, sondern er spielt, wie die Kolleginnen im freiesten Sinn, weit über das Instrument hinaus und es darf auch mal richtig grooven. Dazu gehören viele kleine handliche Eigentümlichkeiten, Automaten mit denen er die fiepsende und klingelnde Welt der Geräte, die längst ein Eigenleben in unser aller Lebensumgebung angenommen haben, hereinholt. Musik ist nicht mehr die erhabene und geschlossene Komposition oder deren Gegenteil, das achtlose Grundrauschen im Kaufhaus oder einer Sauna es ist das Leben selbst musikalisch, für den, der Ohren hat zu hören. Geradezu rührend, was sich einem eröffnet, wenn er mit einem handlichen inzwischen antiquierten Kassettenrekorder die einstmals berühmte Hugo-Strasser-Big-Band zitiert. Und im humorvollen Zitieren abgelegter Hauptsachen, Reste und Abfälle leuchtet plötzlich das Besondere auf, die Poesie des Unauffälligen.

Wäre noch Rebekka Uhlig zu erwähnen, Malerin, Performance-Künstlerin mit klassischer Gesangsausbildung. Bewundernswert, wie sie mit ihrer Stimme, ihrem Körper dem Klangereignis dient, sich ein- und unterordnet als Klangelement unter anderen Klangelementen. Geradezu kreatürlich, was sie aus der Kehle holt, wie sie ganz elementarisch luftig, wässrig, erdig, feurig Teil der vergänglichen Präsenz des Musikalischen ist. Alle drei gemeinsam, suchende, spielende hochenergetische Künstlerpersönlichkeiten, die das Improvisieren bewusst betreiben, sich nicht verlieren im Beliebigen, die den Zuhörer einladen, sich mit auf den Weg zu machen ins Offene.

(Kai Hansen)

Misplaced X

Süddeutsche Zeitung
10.02.04

Infizierter Lebensraum


(...) Aber es gelang, den alten, launig neugierigen Hausgeist im Gepäck mitzunehmen. Er darf weiterspuken und manifestierte sich über vier Tage hinweg in den irritierenden Soundskulpturen von Fabian Chyle und Nikola Lutz "Misplaced X": Glaskästen, gefüllt mit Plastik-Müll, alten Zeitungen oder klumpender Farbmasse und mit dreiviertel-nackten Menschen, die sich mit gliederverrenkenden schleppenden Bewegungen im engen Gehäuse umzulagern suchten und über die Stunden mehr und mehr mit dem Müll verschmolzen. Musik, teils in drastischer, massiver Sample-Überlagerung schuf von unten her eine Hüllkurve. Das waren, aufgestellt neben der Imbiss-Ausgebe oder in der Toilette, gewiss keine Appetitsverstärker oder Harndranglöser. So paarte sich die Lust des Voyeurs mit abschnürender Beklemmung. Es waren Skulpturen, an denen man nicht vorbei konnte.
(Reinhard Schulz)