nikola lutz












manche_mögens_heiß / some_like_it_hot

Musikperformance für Turntable, Computer und Pyrotechnik
von und mit Nikola Lutz


manche_mögens_heiß / some_like_it_hot ist eine Suche nach der Erkennbarkeit von Grenzen und der Definition eines Verhältnisses des Individuums zu diesen Grenzen. Im Laufe der Recherche erweisen sich Grenzen oft als weitaus weniger klar als zunächst angenommen, und wirken zunehmend beliebig. Trotz ihrer angenommenen Notwendigkeit kann eine Allgemeingültigkeit von Grenzen, wie sie Gesellschafts- und Rechtssystemen zugrunde liegen, als inexistent erkannt werden. In diesem Spannungsfeld versucht das Projekt eine Annäherung an das Phänomen der Grenze, ohne jedoch zu vergessen, dass es im Einzelfall unklar bleiben kann, ob ich mich aktuell dies- oder schon jenseits der Grenze aufhalte.

Diese Suche manifestiert sich an konkreten Einzelthemen und versteht sich als fortlaufender Rechercheprozess.

Bisher fanden statt:

part I

manche_mögens_heiß/politik/kernkraft
some_like_it_hot/politics/nuclearenergy


[UA 12.12.2008 theater rampe stuttgart]

Eine Auseinandersetzung mit Energiepolitik und der Frage, ob gesellschaftlich relevante Entscheidungen als Ergebnisse persönlicher erotischer Selbstüberhöhung von Entscheidungsträgern angesehen werden können.

part II

manche_mögens_heiß/erotik/lustmord
some_like_it_hot/erotics/murder


[UA 25.07.2009 schwelle7 berlin]

ein Klangstück mit Texten von

Heinrich von Kleist
Dieter de Lazzer
Nikola Lutz

Grenzen erscheinen beim Gedanken an Lustmord zunächst ganz klar und eindeutig. Jemand wird getötet, ein anderer befriedigt dadurch seine Lust - gibt es hier noch Grund zur Nachforschung? Zunächst erscheint jede weitere Nachfrage obsolet, doch bei näherem Hinsehen eröffnen sich neue Aspekte.

Armin Meiwes, der einzige öffentlich bekannte Lustmörder der Geschichte, der ganz klar mit Einverständnis des "Opfers" handelte, wird im Verlauf des Stückes siebenmal verurteilt. Eine fiktive Gesellschaftsordnung beurteilt die Tat von Mord bis Freispruch in allen begründbaren Schattierungen. Dabei basieren alle diese Urteile auf unserem aktuellen Rechtssystem und sind damit mögliche Auslegungen der uns zur Verfügung stehenden juristischen Werkzeuge zur Schaffung gesellschaftlicher Realität. Penthesilea, eine der ganz seltenen Lustmörderinnen, erzählt vom Grauen einer unfreiwillig außer Kontrolle Geratenen, die sich am Ende selbst tötet. Dem gegenüber stehen die von einer Tat zur nächsten immer brutaler werdenden Morde eines Jack the Ripper, der den immer härteren Kick sucht und das Versteckspiel mit der Öffentlichkeit genießt. Als letzte Zuspitzung des Perspektivenwechsels begegnen sich in zwei kurzen Erzählungen von Nikola Lutz eine aktive und eine passive Lustmordfantasie, die parallel innerhalb derselben Person stattfinden.

manche_mögens_heiß konfrontiert aktuelle und historische, literarische und juristische Texte über erotisch motivierte Mordfälle mit skulpturalen Klang- und Geräuschflächen oder rockigen Samples. In brüchig-zarten Klängen spiegelt sich die tiefe Verunsicherung der Protagonisten selbst, bis sich der Sound in plötzlichem Perspektivenwechsel auf die Seite der krassen Rücksichtslosigkeiten schlägt. Unter der dünnen Oberfläche unserer Kultur lauert das Unberechenbare, das in gelegentlich eingestreuten Pyroaktionen Besitz vom Körper der Performerin ergreift.

part III

manche_mögens_heiß/gesellschaft/hexenverbrennung
some_like_it_hot/society/burningofwitches


[ UA 05.02.2011 Gedok Stuttgart ]

stellt anhand des Phänomens der Hexenverbrennung im Europa der frühen Neuzeit die Frage nach der Struktur eines Gesellschaftssystems, in dem die Anwendung von Folter sowie Exekutionen auf dem Scheiterhaufen systemisch akzeptabel erschienen und somit nicht als Grenzüberschreitung gekennzeichnet waren.

Die Ungereimtheiten im Denken der damaligen Kultur erscheinen aus der historischen Distanz in geradezu aufdringlicher Weise offensichtlich, so dass es zunächst schwer fällt, dessen Entstehung nachzuvollziehen. Im Lauf der Arbeit zeigen sich jedoch Mechanismen, die Vergleiche zu späteren Phänomenen der Verfolgung von Gruppen und Einzelpersonen oder auch zur Vernichtung von Lebensräumen zulassen. Daß die angewendeten Mittel sich im Laufe der Zeit verändert haben, wirkt sich auf die Qualität dieser Mechanismen nicht aus, und es kann auch insgesamt kein humanitärer Fortschritt festgestellt werden. Zu beobachten ist dagegen ein Abstraktionsprozess, bei dem die konkrete Grausamkeit gegen Personen in immer größere räumliche oder zeitliche Distanz rückt und somit aus dem Fokus der Wahrnehmung der Täter herausfällt und dabei den Charakter einer Nummerierung annimmt, also zusehends unpersönlicher aber dafür massenhafter wird.

Als direkte Nachfahrin einer vor 11 Generationen als Hexe exekutierten Frau stellt sich die Performerin der Frage nach der Erfahrbarkeit von bis heute vorhandenen Auswirkungen der damaligen Traumatisierung. Der Einsatz des eigenen Körpers als künstlerisches Mittel erscheint geeignet, der bequemen Distanzierung zu entgehen und ist gleichzeitig eine Geste der Verbundenheit gegenüber den Opfern, ohne dabei jedoch Situationen nachstellen zu wollen.

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